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Nachdem wir uns in der ersten Woche in Panama keine langen Strecken mit Bus und Bahn antun wollten, habe ich jetzt Lust, mal wieder mit öffentlichen Verkehrsmitteln „on the road“ zu sein. Ich bin gespannt auf die Fahrt nach Boquete – in den Westen des Landes – und darauf, ein kleines Stück der Panamericana zu erleben. Diese insgesamt gut 25.000 Kilometer lange Straße, die sich über den ganzen amerikanischen Kontinent erstreckt und von Alaska bis zum argentinischen Feuerland führt, fasziniert mich, seitdem ich das erste Mal davon hörte. Nur ein kleines Autobahnstück packt dieses nicht enden wollende Bauwunder nicht! Und diese Lücke liegt in Panama, dieses schmale Land, das einfach durchtrennt wurde, um mit dem Panama-Kanal eine der wichtigsten Verbindungen für den Schiffsverkehr zu erschaffen. Seefahrer ersparen sich so 12.000 Kilometer, um vom atlantischen zum pazifischen Ozean oder umgekehrt zu gelangen. Und eben dieses kleine Land schafft es gleichzeitig, dass Autobahningenieure vor dem sumpfigen und bergigen Darien-Dschungel Halt machen, so dass die längste Straße der Welt im Grenzgebiet zu Kolumbien lückenhaft bleibt.

Boquete ist ein kleines Städtchen im westlichen Hochland von Panama und bezeichnet sich selbst als „Eco-Tourism Capital of Panama“. Das hört sich vielversprechend an, ich bin aber ein bisschen skeptisch, was hinter einem solchen Marketingclaim wirklich steckt. Nach der langen Fahrt tut mir mein Sitzfleisch weh, ich bin müde von der Reise und will jetzt endlich in dieser hochgelobten Touri-Attraktion ankommen.

Wir nähern uns der Stadt und die umliegenden sattgrünen Berge sind in Wolken gehüllt. Verträumt schaue ich auf die mystisch, fast gespenstisch wirkende Hügellandschaft und weiss schon jetzt, dass sich die lange Fahrt gelohnt hat. Wir steigen am kleinen Stadtplatz an der Hauptstraße aus und laufen zu unserer Unterkunft mit dem verheißungsvollen Namen „Refugio del Rio“. Und tatsächlich liegt das Hostel etwas ab vom Schuss, in einer kleinen Seitenstraße neben ein paar Familienhäusern und einem kleinen Fluß. Wir suchen eine Weile und entdecken schließlich ein buntes Schild, das uns den Weg durch ein Gartentor in den charmant angelegten Aussenbereich des Hostels weist. Nach einem sehr herzlichen Empfang werden wir zum hinteren Teil der Anlage begleitet und wir landen mitten im Grün, wo uns unsere Unterkunft gezeigt wird, die wir einige Tage zuvor reserviert hatten. Ich freue mich schon seit Tagen darauf , denn wir residieren hier für die nächsten vier Nächte in einem „Luxus-Zelt“ inklusive Matratze neben einem reißenden Bach direkt unter einem Mangobaum. Name ist hier Programm. Wir fühlen uns tatsächlich sofort wie an einem Zufluchtsort mitten in der Natur.

Refugio del Rio Boquete Panama Hostel

Refugio del Rio Boquete Panama Hostel

Refugio del Rio Boquete Panama Garden

Refugio del Rio Boquete Panama Garden

Die Hauptstraße von Boquete ist gesäumt von Tour-Anbietern, die für Rafting, Dschungel Ziplining, Thermalquellen, Kaffee-und Wanderausflüge und viele weitere Vergnügungen werben. Wir ignorieren das Schildermeer erst einmal, um uns voll und ganz der Happy Hour zu widmen. Fast alle Lokale preisen hier mit blinkenden Reklameschildern die beliebten hiesigen Biersorten an, zu denen hauptsächlich Balboa, Panama und Atlas gehören. Die mir etwas zu unwürzige Brause (ich trinke sie natürlich trotzdem) gibt es für nur sage und schreibe 1,20 Dollar die Flasche.

Boquete Happy Hour Panama

Am nächsten Tag laufen wir durch den überschaubaren Ort und die umliegende Landschaft. Der Fluss und die Hügel erinnern mich ein bisschen an das schöne Oberbayern. Wir finden einen Markt auf dem Handwerk und Lebensmittel angeboten werden und treffen hier viele Expats an, die aus allen möglichen Ländern nach Boquete ausgewandert sind oder hier die Hälfte des Jahres dem Winter zuhause entfliehen. Einige bieten hier ihre lokalen Spezialitäten an wie zum Beispiel ein Metzger der mit seinem mobilen Wohnwagen Würste, Fleisch und Schinken aus Deutschland verkauft. Sie alle lieben die Kühle der höheren Gefilde. Immer wieder regnet es. Aber nicht lange. Ein beständiger Rhythmus aus Sonne, feinem Nieselregen, leicht tröpfelndem Nebel und feuchtem Wind charakterisieren die Tage in Boquete. Und immer wieder erscheint ein kräftig leuchtender Regenbogen über der Stadt.

Boquete Panama

Das ist der perfekte Ort, um uns ganz nach unserer Reisetradition einen Roller zu mieten und die bergige Umgebung zu erkunden. Auf gut zu befahrenden Serpentinen schlängeln wir uns über die umliegenden Berge, die je höher wir kommen, immer dichter im Nebel thronen. Die Sonne scheint zwar, aber der feuchte Fahrtwind kühlt uns schnell ab und wir beginnen zu frösteln. Die Gegend ist berühmt für Kaffeeanbau und so machen wir zwischendurch Halt an einer der vielen Kaffeeröstereien, um uns mit panamaischem Café con Leche aufzuwärmen.

Boquete Panama Roller fahren

Strassen Boquete Panama

Rollerfahren Boquete Panama

Cafe Puro Boquete Panama

Abends, auf der Suche nach einem feinen Abendmahl beschließen wir noch einen Aperitif in Mikes Grill zu trinken. Wir stoßen auf eine bereits angetrunkene Horde von Expat-Pensionären, die bereits seit 15 Uhr die Happy Hour nutzen. Während wir auf der Außenterrasse auf den Kellner warten, lernen wir Bart kennen, der uns auch sofort Papa
Noël, wie er seinen besten Freund liebevoll nennt, vorstellt. Bart erträgt es nicht, uns warten zu sehen und beschließt kurzerhand, die verbleibende Zeit der geliebten Happy Hour zu nutzen und uns zwei Biere zu besorgen. Wir finden die zwei sofort sympathisch und ich freue mich darüber, dass ich endlich den Weihnachtsmann kennenlernen darf. Auch wenn ich nicht damit gerechnet hatte, ihm in Panama zu begegnen. Es wird ein unerwartet lustiger Abend mit den Auswanderern, die uns versichern, dass wir Boquete entweder nicht mehr verlassen würden oder irgendwann, wie sie selbst, wieder zurück kämen, um hier unser Lebensalter zu verbringen. „EVERYBODY LOVES BOQUETE!“ versichert mir Bart mehrmals. Es bleibt nicht bei einem Bier und so beschließen wir, in der Expat-Kneipe zum Abendessen zu bleiben, statt wie geplant weiterzuziehen.

Mikes Grill Boquete Panama

Mikes Grill Boquete Panama

Mikes Grill Boquete Panama

Am nächsten Tag nehmen wir an einer Wander- und Kaffee-Tour teil. Wir laufen über tropisches Gebirge in den umliegenden Regenwald. In einer solchen Höhe spricht man von einem Nebelwald. Die Luft hier oben ist feucht und kühl, was das Laufen etwas einfacher macht als in niedriger gelegenen Regenwäldern. Auf der Route gibt es mehrere Hängebrücken, die erst vor kurzem installiert wurden. Unser Guide ist stolz darauf, dass er und seine Kollegen die Hängebrücken vor wenigen Monaten selbst gebaut haben. Wir würden quasi zu den ersten gehören, die die Höhe über dem dichten Grün und den reißenden Wasserfällen genießen dürften. Auch ohne TÜV-Qualitätsprüfung vertrauen wir darauf, dass uns die Konstruktion hält.#

Wandern Boquete Nebelwald

Nebelwald Boquete Panama

Hängebrücke Wandern Boquete Panama

Hängebrücke Wandern Boquete Panama

Boquete Nebelwald Panama

Zwischen der Dschungelwanderung und der Kaffeetour erfahren wir per Mail, dass Iberia den Teil unseres Rückfluges von Panama City nach Madrid  storniert hat und uns auf den Flug, der einen Tag früher abfliegt, umgebucht hat. Jedoch haben sie den Flug weiter nach München an dem ursprünglichen Termin belassen. Sollen wir uns jetzt um eine Übernachtung in Madrid kümmern oder wie?! Da wir fürs Ende der Reise bereits eine Boots-Tour gebucht haben, versuchen wir Iberia zu erreichen um einen Alternativflug für den ursprünglichen Rückreisetag zu bekommen. Im Iberia Office von Panama City hebt nach mehrmaligem Durchklingeln keiner ab. Wir versuchen es über die Facebook Seite der spanischen Nationalfluglinie. Vorbildlich antworten die Facebook-Schreiberlinge auch sofort. Doch außer den Standardaussagen, die den exzellenten Kundenservice der spanischen Airline und die Telefonnummer der kostenpflichtigen internationalen Hotline hervorheben, ist auch auf diesem Weg nichts zu machen. Nach dem anfänglichen Ärger beschließen wir, die Sache erst einmal ruhen zu lassen und die noch bevorstehende Kaffeetour zu genießen.

Wir lernen die Geschichte des panamaischen Kaffeeanbaus, besuchen Plantagen und probieren verschiedene Kaffeesorten. Unser Guide hat eine bezaubernde Leidenschaft für Kaffee und reißt uns regelrecht mit seiner energetischen Art mit. Ich hänge förmlich an seinen Lippen. Er erzählt uns unter anderem Geschichten von dem preisgekrönten Geisha Kaffee, den wir am Ende der Tour probieren werden. Geisha ist die teuerste Kaffeebohne der Welt. Ein Kilo ungerösteter Kaffee wurde vor kurzem zum Spitzenpreis von 380 Dollar versteigert. Diese Rohbohne kommt aus Boquete und wird auf der Nachbarplantage angebaut. Schließlich ist es soweit und wir dürfen das Luxus-Getränk endlich probieren. Zu unserer Überraschung schmeckt Geisha Kaffee alles andere als nach Kaffee, eher wie Grüner Tee.

 

Kaffee Tour Boquete Panama

Kaffee Tour Boquete Panama

Geisha Boquete Panama

Kaffee Tour Boquete Panama

Kaffee Tour Boquete Panama

Von Boquete geht’s zum Nationalpark La Amistad, dessen westlicher Teil in Costa Rica liegt und im Osten nach Panama hineinragt. Wir fahren zurück nach David und nehmen von dort einen Bus nach Changuinola. Von hier werden wir von Max abgeholt, dessen Bruder Celestino ‚Soposo Rainforest Adventures‘  gegründet hat.

Wir wohnen bei ihm im Garten seiner Familie, die zum Naso-Stamm gehört. Die Familie besitzt ein Stück Land am Rande des Nationalparks. Celestino erzählt uns von ihrer Art zu leben und erklärt voller Stolz, dass er und seine Familie, wie auch die anderen Naso-Familien sich selbst versorgen. Sie leben auf traditionelle Weise in einfachen Holzhütten, die auf Stelzen gebaut sind. Der umliegende Wald, Kühe, Hühner und ein Pferd gehören Celestinos Familie. Immer wieder bekommt er Angebote, seltene meterdicke Bäume zu verkaufen. Jedes Mal lehnt er dankend ab. Er erzählt uns von dem Staudamm-Bauprojekt, das den Nationalpark und seinen Stamm gefährdet und wie er sich aktiv dafür einsetzt, dass der Widerstand der Naso seitens der Regierung ernst genommen wird. Mehrmals betont er, welch einfaches aber – oder gerade deswegen – glückliches Leben er und seine Familie auf diese traditionelle Art und Weise leben.

Soposo Panama Homestay

Soposo Panama Homestay

In Celestino‘s Zuhause fühlen wir uns unglaublich wohl. Das liegt zum einen an der Herzlichkeit der Familie und zum anderen daran, dass wir mitten im Schlaraffenland gelandet sind. Wir essen frische tropische Früchte direkt von den Bäumen: Papaya, Orangen, Mandarinen, Ananas, Palmherzen, Zuckerrohr und Kokosnusswasser. Er bricht uns Kakaofrüchte auf und zum ersten Mal sehen wir die rohen Bohnen, die in milchigem Schleim gehüllt sind. Roh ist die Bohne selbst nicht genießbar, wie wir lernen. Aber das süße Fruchtfleisch, das die Bohnen ummantelt, ist essbar. Ein wahres Gaumenglück!

Orangen flücken Panama La Amistad

Kakao Bohnen Fruchtfleisch

Zuckerrohr Panama Soposo Tours

Selestino Soposo Tours Panama

An einem Tag machen wir eine Flusstour auf dem Teribe. Wir sind zum Teil mit dem Boot und zum Teil zu Fuß unterwegs. Wir laufen an den verschiedenen Naso-Dörfern vorbei und schlagen uns weiter den Bauch mit allen möglichen Früchten voll. Zurück geht’s auf einem Floß aus frisch zusammengehämmerten Baumstämmen. Nach dem ich mich ein bisschen mit dem Rafting-Bauwunder angefreundet habe, traue ich mich auch, darauf stehend den Fluss entlang zu surfen. Von hier oben sieht die Landschaft noch beeindruckender als sitzend aus dem Boot aus und ohne den knatternden Motor höre ich allerlei Vogelgezwitscher aus dem umliegenden Regenwald. Ich bin glückseelig!

La Amistad Panama Fluss

Soposo Panama La Amistad Teribe

La Amistad Panama Teribe

La Amistad Panama Teribe

La Amistad Panama Teribe

Rafting La Amistad Soposo Tours

Rafting La Amistad Soposo Tours Rafting Teribe

Leider vergesse ich vor lauter Freude, dass das Flusswasser das Moskitospray von meinen Beinen abgewaschen hat. Die Mistviecher richten meine Unterschenkel so übel zu, dass ich die immer größer und heisser werdenden Schwellungen in den Gummistiefeln, die wir am nächsten Tag für die Dschungelwanderung brauchen, kaum ertrage.

Als wir unser erstes Faultier entdecken, vergesse ich die juckenden Stellen und schaue diesem knuddeligen so freundlich dreinschauenden Wesen beim Nichtbewegen zu. Wie kann man nur soo langsam sein, überlege ich. Und wie kann man nur einmal in der Woche sein Geschäft erledigen. Das kann doch nicht gesund sein, denke ich mir. Später sehen wir noch eins mit Baby am Bauch hängend. Mei sind die süß.

Faultier La Amistad Panama

La Amistad Regenwald Tour

La Amistad Regenwald Tour 2

Nicht so putzig finde ich die „Army Ants“, wie unser Guide die in Herrscharen auftretenden „Soldaten-Riesenameisen“ nennt. Viele weitere Regenwaldbewohner kreuzen unseren Weg und wir entdecken allerlei beindruckende Pflanzen.

La_Amistad_Kröte

La Amistad roter Frosch Panama

La Amistad Libelle Panama

La Amistad Schmetterling Panama

Schmetterling La Amistad Panama

La Amistad Baumstamm Dornen

Panama Baumstamm Dornen Stacheln

Panama Baumstamm Dornen Stacheln

Ein wenig erschöpft vom Laufen kehren wir zum Haus von Celestino zurück. Die Zeit in der Natur hat uns richtig gut getan. Und jetzt freuen wir uns auf ein paar Tage am Meer. Nächster Stop: Bocas del Toro.

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